Ein schmaler Grad: Alljährlich scheitern wir bei diesem Balanceakt und fallen in den gähnenden Abgrund der Sinnentleerung. Unsere Vernunft hat sämtliche Gefühle wegrationalisiert. Wir versuchen sie krampfhaft mit Dekoterror und Spendenbereitschaft wieder auf Weihnachtsglanz zu polieren. Das Fest der Liebe fällt dem Klimawandel zum Opfer, ein unfreiwillig aufgeschnapptes Zitat auf einem Weihnachtsmarkt hat mich erleuchtet: „Bei diesen Temperaturen kommt doch kein Mensch in weihnachtliche Stimmung. Es braucht ja keinen Schnee, aber es sollte halt doch so richtig knackig kalt sein!“ Ach sooooo! Wenigstens ist es schon dunkel, sogar zappenduster. Vielleicht hat tatsächlich der Letzte das Licht ausgemacht? Neee nicht Lichterkette! Ach, egal.
Den Teufel mit dem Belzebub
November 20, 2009
… austreiben: Ein probates Mittel seit der Inquisition. Eine ganz neue Herausforderung für diese quasi homöopathische Verfahrensweise (Gleiches mit Gleichem) ist die allseits zum Schüren weltlicher Vergänglichkeitsängste beliebte Schweinegrippe. Ach oweh – werden doch diese teuflischen Viren nicht im Weihwasser und auf gewandelten Hostien ihrer Wirte harren?? Lassen wir das verwässerte Ritual und das Abendmahl bleiben! Die Feier der Osternacht wird dadurch auf eine unserem schnelllebigen Zeitalter gemäße Länge eingedampft werden können. Überhaupt diese ganze Gefühlsduselei: Friedensgruß und andere Formen von Körperkontakt – igittigittiii! Der Herrgott hat uns diese Seuche als Strafe geschickt, weil wir unsere Hände nicht bei uns behalten können und immer wieder lüstern Berührung mit anderen Menschen suchen! Aber damit ist jetzt Schluss! Umarmungen, Küssen – von anderen Formen des unhygienischen Hautkontakts ganz zu schweigen – müssen unterbleiben… Die gute Nachricht zum Schluss: Wer’s nicht glaubt wird selig.
Werte: Ge- und Erbrochenes. Versuch einer Ferndiagnose
Oktober 28, 2009Versprochen ist versprochen und wird auch nicht gebrochen. Simples Merksprüchlein immer schon und wieder gerne auch in der modernen Kindererziehung zur Anwendung gebracht. Schließlich lamentieren alle – vor allem die kinderfernen Gesellschaftskreise – über den allgegenwärtigen Werteverfall. Also halten wir gesellschaftsfernen Erziehungsbeauftragten unsere Kinder zu Höflichkeit und Zuverlässigkeit an, sonst bringen sie es in der fernen Zukunft zu nichts. Die ganze Erziehung kann man sich aber getrost sparen, so hört man andernorts, Kinder machen ja sowieso alles nach. Ach wie gut, dass wir jetzt so eine wertekonservative neue Regierung haben, die gleich mit dem Bruch sämtlicher Versprechen startet, welche die beteiligten Parteien vor der Wahl uns politikunverdrossenen Idioten (Idiot heißt im Altgriechischen soviel wie gesellschaftsfern) gaben. Die Kinder verstehen das ja noch nicht – oder? Jedenfalls liebe Kinder: Bitte nicht zu Hause nachmachen! Oder doch? Schließlich soll ja mal was aus Euch werden!
Der Sinn des Lebens
September 18, 2009Ein Zitat, aufgeschnappt beim Kaffeetrinken (von übermäßigem Koffeingenuss ist abzuraten): „Wozu soll man denn heute noch Kinder haben? Die bekommen ja später sowieso keinen Arbeitsplatz mehr!“ Wer dumm fragt, riskiert eine dumme Antwort – so der intellektuelle Reflex. Reflexe gibt es aber nur im gesunden Organismus. Die Antwort kam nicht, nur Zustimmung. Kommunikationsfehler: Auf eine W-Frage kann man doch nicht mit ja oder nein antworten. Deutschlehrerhafte Erbsenzählerei aus Verzweiflung. Danke für die Aufmerksamkeit. Die Frage bleibt offen. 
Gerechtigkeit
August 21, 2009
Sinngemäßes Zitat von John F. Kennedy: Du solltest Dich am besten damit abfinden, dass das Leben ungerecht ist – oft sogar zu Deinen Gunsten. Empörung über unsaubere Wiedergabe erwünscht: Bin zu faul für die Recherche nach dem wörtlichen Original aber aufgeschlossen, mir helfen zu lassen. Zurück zum Thema: Lassen wir dem Schicksal getrost den Spielraum, gehen zur Wahl und blicken auch sonst dem kommenden Herbst mit Zuversicht entgegen. Die Bundesrepublik ist dann mit Schweine grippe also äh Neuegrippeimpfstoff für annähernd 80% der Bevölkerung ausgestattet. Zu wessen Gunsten sollte man nun Ungerechtigkeit herbeibeten?
Wende Dein Gesicht
Juli 28, 2009
der Sonne zu, dann fallen die Schatten hinter Dich.
Soweit, so klug. Den halsbrecherischen Versuch, über den eigenen Schatten zu springen, kann man bei dieser Haltung getrost unterlassen. Schattenseiten haben sowieso immer nur die anderen, wir sind die Guten: Tolerant (außer dem Bösen und Hässlichen gegenüber), weltoffen (außer wenn es ernst wird), ge BILDet (nur wenns keine eigene Meinung braucht), sparsam, sittsam, hilflos und gut.
Kinder sind Gäste,…
Juli 18, 2009
… die nach dem Weg fragen. Aber wir zeigen ihnen nicht wo es lang geht, wir wollen doch nur Eltern spielen. Erziehung nein danke! Lieber Bestechung, die funktioniert wenigstens ohne Konflikte: Fünf Euro für gute Noten, Süßigkeiten fürs Zimmer aufräumen, eine Playmobilburg fürs Sauberwerden, ein Fahrrad fürs korrekte Aussprechen der velaren Laute. Notwendige Entwicklungsschritte werdenvom gelehrigen Nachwuchs nur gegen Bezahlung vollzogen. Dressur statt Halt. Und für alles Weitere gibt es zahllose Therapieformen, vom Verzicht aufs Erziehungsrecht lebt mehr als ein Berufsstand. Wir wollen schließlich nur spielen.
Feuer und Flamme
Juni 24, 2009N
Neue Begeisterung für alte Rituale und Wellnessbrauchtum: Seit Wochen brennen die Johannisfeuer und es werden jährlich mehr. Die von Ritualen ausgehende Kraft nährt sich aus der unangezweifelten gemeinschaftlichen Verrichtung einer oft symbolischen Handlung. Ritualisierte Handlungen entbehren häufig jeglicher erkennbaren rationalen Basis, stärken aber das Zusammmengehörigkeitsgefühl innerhalb einer Gruppe und im idealen archaischen Fall auch mit der göttlichen Allmacht. Diese Kraft entfaltet unserer Tage nur noch der unangezweifelte kollektive Konsum. Montägliche schichtenübergrefende Aldilidlundco Sonderangebotslektüre mit anschließendem Einkauf von Konsumgütern,. von deren Notwendikeit man selbst noch am Vorabend nichts geahnt hat. Altes Brauchtum wird dagegen der Wellness-Sinnsucherei angepasst, möglichst noch mit einer schillernden Ethnodienstleistung verbunden. Perverse Selbstbestimmung beim Traditionenzurechtbiegen. Die Sehnsucht nach Traditionen und spiritueller Lebensausrichtung ist ein Konjunkturprogramm, von dem andere Wirtschaftszweige nur träumen können. Johannes der Täufer hat damit nichts zu tun, bitte um Kenntnisnahme! Der kamelfellbekleidete Gesellschaftskritiker seiner Zeit hat sich mit Kritik am Lotterleben der Mächtigen und Gierigen um Kopf und Kragen geredet. Heute feiern wir seinen Geburtstag, heute, am 24. Juni, ein halbes Jahr vor dem Geburtstag eines anderen noch wortgewaltigeren Gesellschaftskritikers. Heute ist die Gelegenheit zum Entzünden eines Johannisfeuers, nicht an Mittsommer, nicht vorgestern, nicht morgen. Heute heißt es Johannis, heute könnte es Licht machen in Herzen von Geborgenheitsbedürftigen. Alle anderen Holzstöße, die da in letzter Zeit brannten, waren zeitgeistige Zündeleien, ohne Bezug zur Quelle, zur Aufbesserung diverser Vereinskassen. Ganze Suchtrupps befinden sich mit Portemonnaie auf spiritueller Selbstfindung im Unterholz der Wiki-weiß-was-Folklore! Und die mit den besten Marketingideen und dem dekorativsten Mix aus Buddhichristenheidentum führen sie an.
Perfekt
Juni 18, 2009Perfekte Sommertage, perfekte Kleidung, perfektes Styling, die perfekte Familie, das perfekte Wochenende. Ramawerbung reloaded. Es gibt kein schlechtes Wetter, wenn man richtig angezogen ist. Das ist mir wurschtwurschtwurscht! Noch einmal das Wort perfekt und ich kotze verzweifele! In dieser perfekten Welt gibt es keinen Platz für Mitgefühl, nur Selberschuld. Vielleicht ist es nur ein Wortschatzproblem: Ein Adjektiv muss her nur das Hirn ist so leer? Perfekt passt immer, pimp up your language! It’s a perfect day! Kein Lifestyle-Magazin ohne Ratschläge für das perfekte Leben.
Und das greift auch in der Blogwelt um sich. Nobody is perfect, hach wie kokett! Zugestanden wird das aber niemandem und schon gar nicht sich selbst: Selber schuld, wer sich nicht an die perfekten Lebensratschläge hält. Bitte etwas mehr Frohsinn statt Lifestyle, aber Vorsicht: Der könnte ansteckend sein und wer will sich schon anstecken?
Trauer um eine Weide
Juni 9, 2009Leider ohne Foto – es gibt nur noch das Bild in meinem Herzen. Keine Ahnung wie alt sie war, sie war schon in meiner Kindheit alt. Majestätisch gebeugt der flirrende Vorhang ihrer Zweige, das Oben und Unten zusammenführend, grüner Lichtfänger im Sommer, mächtig und zart zugleich, Windfang, Wohnung für zahllose Vögel und anderes Getier, Schatten über der Bushalte, Wahrzeichen für meine Heimat, dem Kirchturm beinahe gleichgestellt. Todesurteil: Sie machte zu viel Dreck.

Gevatter Lebensverneiner grinst sich eins: "Sag NEIN zu allem was lebt!"
Auch er perfekt geschützt vor Dreck, dass nur ja keine symbolische Taube auf seinem Arm Platz nehmen kann!
Verfasst von aromula
Verfasst von aromula
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